Eine Heftromanserie als Konkrete Utopie

© Pabel‑Moewig Verlag KG, Rastatt

Als  Cheflektor Kurt Bernhardt vom Münchner Moewig-Verlag im Herbst 1960 die Idee hatte, ausgerechnet Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting (alias Clark Darlton) für eine neue Heftromanserie zu gewinnen, wusste er wohl bereits, wen er da eingestellt hat. Scheer und Ernsting waren schon seit den 1950er Jahren als erfolgreiche Autoren in der kleinen, aber feinen deutschen SF-Szene bekannt. Bernhardt beauftragte also für die neue Serie den damaligen Franz Beckenbauer und Günter Netzer des technisch-utopischen Romans. Eine wohl einmalige Konstellation, bedenkt man, dass Autoren ja oftmals Leute sind, denen – vorsichtig ausgedrückt – Teamarbeit nicht auf den Leib geschrieben steht. Die Robustheit und Trinkfestigkeit des Gründungsduos waren konstitutiv für die halbwegs friedliche Zusammenarbeit an der gemeinsamen Serie.

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Beide Autoren waren stark geprägt von den entbehrungsreichen Kriegsjahren: Walter Ernsting war im Zweiten Weltkrieg seit Kriegsbeginn bei der Wehrmacht und geriet 1945 in russische Kriegsgefangenschaft, u.a. ab 1947 im kasachischen Straflager in Karaganda. Der jüngere K. H. Scheer meldete sich freiwillig zur Kriegsmarine und absolvierte hier einen technischen Lehrgang bei der U-Boot-Waffe, kam aber nicht mehr zum Einsatz.

Diese Erfahrung dessen, was Krieg bedeutet, verlängert sich in den 50er und 60er Jahren zur ständigen Bedrohung der gesamten Menschheit durch einen möglichen Atomkrieg der Supermächte USA und Sowjetunion. 1961 nähert sich der Kalte Krieg seinem dramatischen Höhepunkt: 12. April: Juri Gagarin ist der erste Mensch im Weltraum, 17. April: Invasion in der Schweinebucht auf Kuba, 13. August: Baubeginn der Berliner Mauer. Die Spannungen in der Welt nehmen überall zu. Das geteilte Deutschland ist dabei eher ein passiver Zuschauer. Gleichwohl ist allen bewusst, dass ein Krieg zwischen den Supermächten gerade auch auf deutschem Boden ausgefochten würde.

Das Rennen der Supermächte wird nach dem Sputnik-Schock von 1957 und dem Erfolg des Kosmonauten Gagarin auch im Weltraum ausgetragen. Der frischgebackene US-Präsident Kennedy kündigt am 25. Mai 1961 vollmundig an, dass die Amerikaner alle Kräfte anspannen sollten, um einen Menschen auf den Mond zu bringen.

Scheer und Ernsting nehmen dies als Ausgangsbasis ihrer literarischen Überlegungen. Die Geschichte, die sich vor ihren Augen vollzieht, wird zur Folie der entstehenden Heftromanserie. Vorgegangen wird dabei nach dem Prinzip der technischen Extrapolation, d.h. Scheer nimmt an, dass 10 Jahre später alle Mittel für eine amerikanische bemannte Mondlandung bereitstehen. Diese realistisch gedachte Hochrechnung von technischen Möglichkeiten, also von Wostok 1 bis zu Apollo 11, bildet das Grundverfahren, um dem Setting von Perry Rhodan den richtigen Anstrich zu verleihen. Unmißverständlich stellt Scheer im Begleitbrief zu seinem Entwurf für Perry Rhodan klar:

„Wenn Sie jedoch das übliche Tralala mit 3- bis 4-Mann-Abenteuerchen im Weltraum wünschen, wenn Sie nicht erklärt haben wollen, warum dieses und jenes Raumschiff überhaupt fliegen kann, dann bin ich in der geplanten Serie fehl am Platze.“ (Perry Rhodan Chronik, Band 1, S. 59)

Nach seinen noch im Leihbuch-Format publizierten Vorläuferserien ‚Klaus Tannert‘ und ‚Zur besonderen Verwendung‘, es handelt sich um technisch-utopische Agentenkrimis, zielt Scheer mit Perry Rhodan jetzt auf den großen Wurf, in das er sein gesamtes handwerkliches Können hineinlegen will. Sowohl die (seinerzeit wegen Jugendgefährung indizierten) Abenteuer um den Testpiloten und Frauenschwarm Klaus Tannert als auch die Weltraumabenteuer des Thor Konnat, dem Topagenten der Geheimen Wissenschaftlichen Abwehr nehmen vieles vorweg, was bei Perry Rhodan in verwandelter Form dann Jahre später wieder auftaucht.

Uns ist in alten mæren wnders vil geseit

von heleden lobebæren,      von grôzer arebeit,
von frevde vn– hôchgecîten,      von weinen vn– [von] klagen,
von kvner recken strîten      mvget ir nv wnder horen sagen.

Die Intro-Strophe der Handschrift C des Nibelungenliedes ließe sich fast umstandslos dem ersten Perry Rhodan-Heftroman voranstellen. Von Helden ist hier nämlich die Rede, von großen Mühen und vom Einsatz kühner Recken. Dass die Maßlosigkeit des Weltraums die bunte mittelalterliche Kosmologie noch um ein Vielfaches übertrifft steht dabei außer Frage. Interessant ist jedenfalls, wie sehr die mittelhochdeutsche Heldenepik in Anlage und Konzeption einer Heftroman-Serie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnelt: Auch ein Perry Rhodan geht auf große Âventiure-Fahrt, begegnet so manch sonderbarer Gestalt und muss sich jeden Freitag aufs Neue als furchtloser terranischer Held beweisen. Die kunstvolle Wiederholung von Stoffen und Motiven ist ein wesentliches Charakteristikum volkssprachlicher mittelalterlicher Literatur. Worauf es oft allein ankommt, ist der Variantenreichtum der Form, also die je besondere Ausführung des Stoffs.

An die Stelle des Formbewusstseins der höfischen Kultur, die als Hintergrundfolie des mittelalterlichen Dichters Geltung beanspruchte, tritt bei Perry Rhodan der Exposé-Autor. Er allein bestimmt den Fortgang der Handlung und setzt den Rahmen innerhalb dessen der einzelne Autor agieren kann. Er stiftet den größeren Zusammenhang ohne jedoch die Individualität des Einzelautors durchzustreichen und ihm jede Möglichkeit zu rauben, eigene Einfälle in die Serie hineinzutragen. Perry Rhodan ist jedenfalls ohne ein strenges Exposé undenkbar und wäre wohl kaum über die 50 Hefte hinausgekommen, die man sich im Jahre 1961 zaghaft erhoffte.

Bei den Perry-Heften gibt es auch den oben benannten „Da-weiß-man-was-man-hat“-Effekt. Es gibt aber ein Alleinstellungsmerkmal: Es handelt sich um eine Fortsetzungsserie, d.h. die einzelnen Heftromane enthalten keine abgeschlossenen Handlungen. Man liest sich durch eine kontinuierliche Geschichte, die immer da erneut einsetzt, wo der letzte Heftroman aufgehört hat. Der Leser bekommt es also nicht mit einem intergalaktischen Dr. Norden zu tun.

Diese sehr avancierte Form von Serialität war in den 1960er Jahren etwas Neues. Auch seinerzeit in Deutschland beliebte Fernsehserien wie THE AVENGERS (‚Mit Schirm, Charme und Melone‘) oder MISSION: IMPOSSIBLE (‚Kobra, übernehmen Sie‘) boten den Zuschauern nur abgeschlossene Episoden. Der Plan von Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting, eine fortlaufende Geschichte der Menschheit in der Zukunft zu schreiben, hat sich in den 57 Jahren in denen Perry Rhodan gedruckt wird, mehr als bewährt. Es ist diese offene Form, die den Reiz dieser Heftromane ausmacht.

Aber jetzt gibt es bevor es hier richtig losgeht mit dem ersten Heftroman erstmal ordentlichen Positronik-Punk auf die Ohren:

Zurück zu Perry!

Es muss im Sommer 1998 gewesen sein. Da hatte ich den ersten Silberband ›Die dritte Macht‹ in die Hände bekommen und aus selbigen nicht mehr gelegt. Bis Band 9 ging es dann noch weiter. Danach gab es bis auf ein paar Hörbuch-Zwischenspiele keine größeren Expeditionen ins Perryversum.

Doch so schnell ließ mich die ultrafuturistische Ästhetik der Silberbände mit ihren lässigen Risszeichnungen nicht los. Klar war jedenfalls: PERRY ist die Nummer Eins der deutschsprachigen SF. Da kommt man nicht dran vorbei und von dem Erfolg von PERRY RHODAN haben sich auch andere Serien seit dem Herbst 1961 nie mehr so recht erholt. Es gibt nämlich bislang keine längere Fortsetzungsserie auf der Welt.

Vor ein paar Jahren hatte ich die Idee, ich müsste doch die Geschichte von Anfang an lesen. Im klassischen Heftroman-Format, da die Silberbände recht umfangreich bearbeitet wurden. Zwar bieten sie, so Willi Voltz, „in Auswahl und Form auch das Beste und Wichtigste aus den klassischen Vorbildern“. Es wurden aber auch ganze Heftromane weggelassen und zahlreiche Kürzungen vorgenommen. Das ist natürlich dem flotten Vorankommen des heutigen Lesers sehr dienlich. Eine kulturgeschichtliche Perry Rhodan-Lektüre kommt aber am Urformat, dem Heftroman, nur schwer vorbei.

Der erste Versuch mit einem Stapel der 3. Auflage endete so rasch, wie er begonnen hatte. Auch 2017, als ich mit Heften aus der recht schönen 5. Auflage einen erneuten Anlauf unternahm, hielt ich nicht lange durch. Ungefähr nach Heft 10 war plötzlich Schluss.

An diesem Freitag aber gab es frohe Kunde: Heft 3000 ist erschienen. Ein Stichtag für dieses Weblog: Parallel zur Lektüre der Erstauflage soll hier das Perryversum von Anfang an erkundet werden. Es geht darum, den ganzen Perry zu beleuchten und ihn als Teil unserer Kulturgeschichte neu zu entdecken.