Uns ist in alten mæren wnders vil geseit

von heleden lobebæren,      von grôzer arebeit,
von frevde vn– hôchgecîten,      von weinen vn– [von] klagen,
von kvner recken strîten      mvget ir nv wnder horen sagen.

Die Intro-Strophe der Handschrift C des Nibelungenliedes ließe sich fast umstandslos dem ersten Perry Rhodan-Heftroman voranstellen. Von Helden ist hier nämlich die Rede, von großen Mühen und vom Einsatz kühner Recken. Dass die Maßlosigkeit des Weltraums die bunte mittelalterliche Kosmologie noch um ein Vielfaches übertrifft steht dabei außer Frage. Interessant ist jedenfalls, wie sehr die mittelhochdeutsche Heldenepik in Anlage und Konzeption einer Heftroman-Serie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnelt: Auch ein Perry Rhodan geht auf große Âventiure-Fahrt, begegnet so manch sonderbarer Gestalt und muss sich jeden Freitag aufs Neue als furchtloser terranischer Held beweisen. Die kunstvolle Wiederholung von Stoffen und Motiven ist ein wesentliches Charakteristikum volkssprachlicher mittelalterlicher Literatur. Worauf es oft allein ankommt, ist der Variantenreichtum der Form, also die je besondere Ausführung des Stoffs.

An die Stelle des Formbewusstseins der höfischen Kultur, die als Hintergrundfolie des mittelalterlichen Dichters Geltung beanspruchte, tritt bei Perry Rhodan der Exposé-Autor. Er allein bestimmt den Fortgang der Handlung und setzt den Rahmen innerhalb dessen der einzelne Autor agieren kann. Er stiftet den größeren Zusammenhang ohne jedoch die Individualität des Einzelautors durchzustreichen und ihm jede Möglichkeit zu rauben, eigene Einfälle in die Serie hineinzutragen. Perry Rhodan ist jedenfalls ohne ein strenges Exposé undenkbar und wäre wohl kaum über die 50 Hefte hinausgekommen, die man sich im Jahre 1961 zaghaft erhoffte.

Bei den Perry-Heften gibt es auch den oben benannten „Da-weiß-man-was-man-hat“-Effekt. Es gibt aber ein Alleinstellungsmerkmal: Es handelt sich um eine Fortsetzungsserie, d.h. die einzelnen Heftromane enthalten keine abgeschlossenen Handlungen. Man liest sich durch eine kontinuierliche Geschichte, die immer da erneut einsetzt, wo der letzte Heftroman aufgehört hat. Der Leser bekommt es also nicht mit einem intergalaktischen Dr. Norden zu tun.

Diese sehr avancierte Form von Serialität war in den 1960er Jahren etwas Neues. Auch seinerzeit in Deutschland beliebte Fernsehserien wie THE AVENGERS (‚Mit Schirm, Charme und Melone‘) oder MISSION: IMPOSSIBLE (‚Kobra, übernehmen Sie‘) boten den Zuschauern nur abgeschlossene Episoden. Der Plan von Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting, eine fortlaufende Geschichte der Menschheit in der Zukunft zu schreiben, hat sich in den 57 Jahren in denen Perry Rhodan gedruckt wird, mehr als bewährt. Es ist diese offene Form, die den Reiz dieser Heftromane ausmacht.

Aber jetzt gibt es bevor es hier richtig losgeht mit dem ersten Heftroman erstmal ordentlichen Positronik-Punk auf die Ohren:

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